Lösemittel


Bei der Auswahl von Anstrichen, Klebern, Bodenbelägen und Möbeln wird der Verbraucher heute mit einer unübersehbaren Anzahl von Produkten konfrontiert, die durch verschiedene Zertifikate, ÖKO-Siegel und Prüfzeugnisse ihre Unbedenklichkeit beteuern.

Trotzdem kommt es in den letzten Jahren immer öfter zu gesundheitlichen, geruchlichen und visuellen Problemen nach Neubau, Renovierung oder Neukauf von Einrichtungsgegenständen.
 


Die bis zum Beginn der 90 er Jahre dominierenden Zusammensetzungen auf Lösemittelbasis (Testbenzin, halogenierte Lösemittel) wurden aufgrund des hohen gesundheitsgefährdenden Potentials ihrer Inhaltsstoffe innerhalb kurzer Zeit nahezu vollständig von Dispersionen auf Wasserbasis verdrängt. Diese enthalten eine neue Generation von Lösemitteln (zum Beispiel Glykole und Glykolether), die aufgrund ihres Siedepunktes von > 200°C nicht mehr als solche deklariert werden müssen und daher auch in “lösemittelfreien” Produkten mit Gehalten bis 10% enthalten sein dür- fen. Außerdem beinhalten die neuen Anstriche und Kleber eine Vielzahl weiterer Zusätze, wie Weichmacher, Konservierungsstoffe, Alterungsschutzmittel, die keineswegs alle als harmlos eingestuft werden können.

Die neuartigen Anstrich- und Klebersysteme reagieren während der Verarbeitung empfindlicher auf die Umgebungsbedingungen. So kann zum Beispiel durch feuchten Untergrund, Temperatureinfluß oder hohe Raumluftkonzentrationen an Lösemitteln/Weichmachern das Abbinden und Aushärten der Produkte verzögert erfolgen oder unvollständig bleiben. Insbesondere bei Produkten mit höherem Anteil schwerflüchtiger chemischer Zusätze kann dies zu lang anhaltende Restausgasungen führen, die dann Ursache für geruchlichen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen sein können.

In einigen Fällen kommt es zu Kondensationseffekten an kalten Bauteilen und zur Bildung eines schwarzen Schmierfilms auf Wandoberflächen und Mobiliar (Black-Fogging-Effekt).


Raumluftgehalte an flüchtigen organischen Verbindungen
Direkt nach der Verarbeitung von Klebern oder Anstrichen liegt die Summe der flüchtigen orga- nischen Verbindungen in der Raumluft üblicherweise deutlich über 10.000 µg/m³. Diese Konzentra tion reduziert sich jedoch innerhalb der ersten 10 Tage auf < 2000 µg/m³ und stellt sich in den darauf- folgenden Wochen bei einer üblichen Hintergrundbelastung von ca. 300 µg/m³ ein ( SEIFERT 1990 ). Sollten nach mehr als 8 Wochen intensiver Beheizung und Stoßlüftung noch immer geruchliche oder gesundheitliche Auffälligkeiten vorhanden sein, empfiehlt es sich ein sachkundiges Ingenieurbüro oder Meßinstitut mit der Untersuchung des Problems zu beauftragen.

Die dann eingesetzte Probenahmetechnik muß auf die ausgebrachten Produkte und die Problematik abgestimmt sein. Da für jede Substanzgruppe eine spezielle Vorgehensweise erforderlich ist, läßt sich mit den im Handel erhältlichen Passivsammelsysteme (Aktivkohle) nur ein kleiner Teil der chemischen Verbindungen analysieren. Bei den schwerflüchtigen Weichmachern sollten ergänzend zur Raumluftmessung auch Hausstaubuntersuchungen durchgeführt werden. Die Untersuchung von Black-Fogging- Effekten basiert dagegen auf gaschromatografischen und rasterelektronischen Analysen.

Gesundheitliche Wirkungen von flüchtigen organischen Verbindungen und Weichmachern
Die klassischen aromatischen oder halogenierten Lösemittel sind bezüglich ihres gesundheitsgefähr- denden Potentials ausgiebig untersucht und beschrieben worden. Da sie inzwischen fast ausschließlich in Sonderanwendungen eingesetzt werden, sollen sie nicht Gegenstand dieser Abhandlung sein. Über die gesundheitlichen Wirkungen der Lösemittel wässriger Anstrich- und Klebstoffsysteme existieren bisher nur wenige Daten, die jedoch darauf hindeuten, dass auch mit ihnen sorgsam umgegangen werden muß

In der Gruppe der Glykol- Verbindungen haben sich die Ethylen - Glykolether und ihre Acetate im Tierversuch als embryotoxisch erwiesen. Das häufig in Wasserlacken eingesetzte 2-Butoxyethanol wirkt außerdem augenreizend, gesundheitsschädlich beim Einatmen und steht in Verdacht blut-, leber- und nierenschädigend zu wirken. Die für die abschließende Bewertung erforderlichen Dosis-Wirkung- Beziehungen liegen zur Zeit noch nicht gesichert vor.

Die mit dem Aufkommen der “Bio-Anstriche” wieder verstärkt auf den Markt angebotenen terpenhal- tigen Lösemittel stammen aus Baumrinden beziehungsweise Schalen von Zitrusfrüchten. Die hier- bei auftretenden Gerüche haben aufgrund der natürlichen Aromen eine höhere Akzeptanz als syn- thetische Lösemittel, trocknen schnell ab und sind biologisch gut abbaubar. Für Allergiker können jedoch sowohl die Terpene, wie Delta-3-Caren und -Pinen, als auch die im Gemisch vorliegenden Alko- hole zu Irritationen und Reizungen führen. Um diese Effekte zu minimieren sind namhafte Hersteller in letzter Zeit dazu übergegangen, den Gehalt von Delta-3-Caren bis in den Spurenbereich abzusenken.

Bei den Weichmachern stellen die Phthalsäureverbindungen die wichtigste Substanzgruppe dar. Sie können aus Kunststoffen und Beschichtungen freiwerden, sind jedoch auch wesentliche Eigenschafts- bildner in Klebern und Anstrichen. Die Aufnahme der Verbindungen in den Körper erfolgt über die Haut beziehungsweise partikel- oder dampfgetragen mit der Atemluft. Bei höheren Raumluftkonzen- trationen wird oftmals ein metallischer Geschmack und “pelzige” Wahrnehmungen im Mund beschrie- ben, was auf die chemische Reaktion der Phthalate mit dem Mundspeichel zurückzuführen ist.

Die akuten Reizungen der Schleimhäute können bis zum Nasenbluten gehen, teilweise treten Übel- keit und andere Vergiftungssymptome auf. Im Vordergrund der gesundheitlichen Gefährdung steht je- doch die allergisierende Wirkung und die Beeinträchtigung des Immunsystems. Da die Phthalsäure- verbindungen mittlerweile ubiquitär in unserer Umwelt vertreten sind, oft auch in der Außenluft signi- fikante Gehalte gemessen werden, kann man diesen Verbindungen nahezu nicht mehr entgehen. Zur massiven Freisetzung in die Raumluft bedarf es jedoch meistens einer erhöhten thermischen Belastung oder einer chemischen Sekundärreaktion durch Feuchtigkeit und alkalische Bestandteile in der Bausubstanz.

Für weitere chemische Bestandteile von Anstrichen, Klebern und Imprägnierungen, wie Fettsäureester, höhere Alkohole, langkettige aliphatische Verbindungen sind nur wenige akute gesundheitliche Be- schwerden beschrieben. Sie haben jedoch wie die Glykol - Verbindungen und Phthalaten die Eigen- schaft, im Körper gespeichert zu werden und nur schwer biologisch abbaubar zu sein.

Empfehlungen für die Auswahl und Verarbeitung von Anstrichen und Klebern
Entscheidend für die Auswahl von Anstrichen sind stets die konkreten Anforderungen an das Produkt vor Ort. Es ist zu bedenken, dass jede “höherwertige” Produkteigenschaft in der Regel mit einen hö- heren Anteil an Kunststoffen, Lösemitteln, Konservierungsmitteln und Weichmachern erkauft wird.

Der Gehalt an synthetischen Zusätzen sollte hierbei möglichst gering gehalten werden, da sie zu einer Reduzierung des Dampfdiffusionsvermögens und zu einer potentiell höheren Belastung der Raumluft führen. Statt auf die verschiedenen Prüfsiegel und Zertifikate zu vertrauen, sollte man sich in unab- hängigen Vergleichstests ( z.B. Stiftung Warentest, Ökotest) über die Zusammensetzung und Eignung der in Frage kommenden Anstriche und Kleber informieren.

Die Bodenbelägen selbst sollten möglichst frei von ausgasungsfähigen Bestandteilen sein. Insbeson- dere PVC-Beläge sind aufgrund ihrer sehr hohen Weichmachergehalte (< 70%) und des damit verbun- denen unkalkulierbaren gesundheitsgefährdenden Potentials nur noch für Sonderanwendungen sinn- voll. Auch verarbeitungsfreundliche Bodenbeläge, wie Laminat und Fertigparkett können hohe Anteile an Kunststoffen und Klebern beinhalten, die zu länger anhaltenden Restausgasungen führen. Bei der Montage der Bodenbeläge ist statt flächiger Kleberausbringung ein Trockeneinbau beziehungsweise eine punktuelle Fixierung des Belages zu bevorzugen. Die Neuversiegelung von alten Parkettböden sollte nur dann durchgeführt werden, wenn die vorhandenen Spalten vorher ver- schlossen wurden, so dass kein Eindringen des Produktes in die Unterkonstruktion möglich ist.Auch hier gilt, dass wegen der eingesetzten Inhaltsstoffe das Einölen und Wachsen von Parkett dem Versiegeln vorzuziehen ist.

Auch bei der Ausbringung von emissionsarmen Farben und Klebern ist auf trockenen Untergrund und anschließende gute Beheizung und Belüftung der Räume zu achten. Die produktspezifischen Verabei- tungshinweise sind bezüglich der Vorgehensweise und der Materialvorgaben genau zu befolgen. Um spätere Emissionen aus Bodenbelägen oder beschichteten Oberflächen zu vermeiden, sollten die ein- gesetzten Pflegemittel der Oberflächenbehandlung angepasst werden und diese nicht angreifen.

Falls Sie weitere Fragen zum Thema flüchtige organische Verbindungen und Weichmacher in Wohn- räumen haben, rufen Sie uns an wir beraten Sie gern! Unser Ingenieurbüro bietet Ihnen das gesamte Leistungsspektrum von der Beratung, Untersuchung bis Bewertung und Sanierung von Belastungen. In Kooperation mit dem Baumarkt ÖKOTEC in Mainz-Kastel können wir gemeinsam mit Ihnen die passende Lösung für gesunde und hochwertige Anstriche und Bodenbeläge finden.

Literaturnachweis: VDI-Berichte 1122:Luftverunreinigung in Inenräumen, VDI-Verlag 1994; ÖKO-TEST-Magazin 2/99, S. 53-59; Lorenz: Feuchtigkeitsinduzierte Weichmacheremissionen, Zeitung für Umweltmedizin 1/99, S. 32-38; Wensing, Moriske: Das Phänomen der “Schwarzen Wohnungen”, Gefahrstoffe-Reinhaltung der Luft 1998, S. 463-468
 
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